| Neues aus Cuzco | |
| 18.07.1999, Cuzco (Peru) | |
| Hallo, hier meldet sich wieder Grossvaeterchen Unimog aus der suedlichen Hemisphaere ! Seit dem 5. Juli 1999 werde ich der peruanischen Bevoelkerung vorgefuehrt, und hier bin ich wirklich der Chef ! Bis jetzt habe ich keine dreckigen, oeligen, heruntergewirtschafteten Konkurrenten bei der Armee oder Polizei gesehen, obwohl darueber gemunkelt wird - getroffen habe ich lediglich einen freundlichen orangen Unimog, wie er bei mir Zuhause (in der Schweiz) bei den Bauaemtern gebraucht wird, und einen Kollegen aus England, der mich ein bisschen neidisch gemacht hat. Aber mehr dazu spaeter ! Wo sind wir das letzte Mal stehengeblieben ? Ach ja, in Arica, dem kleinen chilenischen Dorf vor der Grenze zu Peru. Tagtaeglich pilgern mein Fahrer und ich zu den netten Herren der Firma Kaufmann. Die freuen sich immer wahnsinnig, wenn sie uns sehen ! Immerhin zaubern sie nach einer Woche die richtige Wellendichtung aus dem Hut, nach einer weiteren Woche wird das alte, verbogenen und zerrissene Geschwuer aus meinem Magen entfernt und durch das neue Teil ersetzt. Seither fuehle ich mich wieder richtig im Element ! Leider muss ich nun neue Methoden erfinden, um meine Verfolger abzuschuetteln, aber es gibt ja noch andere Moeglichkeiten, als eine 80W-90-Oelspur auf die Strasse zu zaubern ! Immerhin muss ich nur einmal in der dunklen Werkstatt uebernachten. Den Rest der beiden Wochen verbringe ich auf dem Zeltplatz von Arica. Am ersten Tag habe ich noch Gesellschaft von einem brandneuen LKW aus Deutschland, der aber nur rot wird und schweigt, als ich ihn nach seinem Preis frage ... Dann bin ich alleine auf dem Platz mit meinem gelangweilten Chauffeur. Nach den Ausfluegen in der Stadt muss ich meistens vor dem Tor warten, und mein Mechaniker klettert ab und zu ueber den Zaun, um den Zeltplatzchef mit dem Schluessel aufzuspueren. Einmal warten wir fast zwei Stunden, bis ein netter Herr mit dem richtigen Schluessel auftaucht ... Unaufhaltsam naehert sich der Geburtstag meines Fahrers (er hat 5 Jahre weniger auf dem Buckel als ich, der junge Schnaufer), und wie gerufen erscheinen 4 chilenische Zahnaerzte/innen auf dem Platz, die selbstverstaendlich fuer guten Pisco Sour sorgen. Mein Begleiter schlaeft die naechsten drei Naechte etwas laenger und macht mir nicht den frischesten Eindruck am Morgen ! Auch die geruhsamste Zeit endet einmal ! Gleich nach Arica darf ich mich wieder laengere Zeit mit meinen Freunden vom Zoll unterhalten, die dieses Mal schwarze Kleider der Firma 'Peru' tragen. Sie geraten wie ueblich ins Schwitzen, blaettern endlos in ihren Unterlagen herum und verteidigen sich hartnaeckig mit ihrem Stempelkissen. Nach 7 oder 8 Stempeln geht die Farbe aus, und sie geben sich geschlagen - ich darf ein neues Land kennenlernen. Und wie ! Ich habe keinen solchen Teer seit 7 Monaten gesehen, und ich darf laengere Zeit fast mit Lichtgeschwindigkeit - na ja, mit 70 Sachen durch die wuesteste Wueste aller Wuesten fahren. Stundenlang sehe ich nicht einen Grashalm ! Nach etwas mehr als einem Tag ziehe ich in Arequipa ein, der 'weissen Millionenstadt'. Das Verkehrschaos uebertrifft alles bisher gesehene ! Mein Fahrer muss voellig betrunken sein, denn obwohl er voellig hilflos in seinen Unterlagen blaettert und vergebens nach Strassennamen Ausschau haelt, findet er auf Anhieb unser gesuchtes Hostal 'Tambo Viejo'. Mein Begleiter nimmt bescheiden mit einem Bett im Fuenferzimmer Vorlieb, ich erhalte einen Platz auf einem nahen Hinterhof, der mehr als das Hostal kostet ... Beschaemt nehme ich die schlechten Franzoesischkenntnisse meines Fahrers hin, der sich drei Tage lang mit Franzoesinnen und Franzosen meistens in Englisch unterhaelt. Na, und da waere noch die Geschichte der 15W-40-Oelspur aus dem Deckel des Betriebsstundenzaehlers (der uebrigens in klingonischen Stunden zu zaehlen scheint). Der aktuelle und der ehemalige Mechaniker haben den Deckel irgendwie total verwuergt, uns so muss ein neuer her ! Aufmerksame Leser meiner Geschichten oder Leute mit eigener Reiseerfahrung wissen schon, wie die Geschichte ausgeht ... Mein optimistischer Besitzer besucht die Ersatzteilstrasse von Arequipa, um so ein Geschaeft zu finden, das einen solchen Deckel herstellen kann. Ein Schweizer Mechaniker wuerde das morgens um 6 Uhr mit geschlossenen Augen erledigen (Fraesmaschine einstecken, programmieren und zusehen aehhhh zuhoeren). Ein leichtsinniger peruanischer Ersatzteilhaendler gewaehrt grosszuegig Unterstuetzung. Die passende Dichtung wird zwei Tueren weiter schnell und zielsicher zugeschnitten, dann machen sich der Daewoo-Ersatzteilhaendler und mein Fahrer auf zu einem Mechaniker, der verspricht, bis um 12 Uhr den Deckel zu liefern. Er scheint aber Probleme mit dem auf Karton gezeichneten Muster (ein bananenfoermiges Stueck mit einer Dicke von ca. 4 Millimeter) zu haben, denn um 12 Uhr ist kein Deckel da, auch nicht um 13 oder 14 Uhr. der Auftrag wird ihm kurzerhand entzogen, zurueck bleibt leider das Muster. Der zweite Mechaniker verspricht hoch und heilig, bis um 17 Uhr ohne Wenn und Aber zu liefern. Ausgeruestet mit der Dichtung als grobe Vorlage macht er sich an die Arbeit. Um 17 Uhr liefert er, aber selbstverstaendlich sieht der Deckel exakt wie die Dichtung aus - mit einem grossen Loch in der Mitte ... Die Geschichte endet am naechsten Tag mit einem Metallstueck (ohne Loch), das der Vorlage entfernt aehnlich sieht und erstaunlicherweise passt ! Die Loecher fuer die drei Schrauben bohrt mein Fahrer vorsichtshalber selber in den Deckel... Nach drei Tagen entfliehen wir Arequipa - eigentlich eine schoene Stadt, mit vielen sehenswerten Kirchen und Gebaeuden, aber zu viel Verkehr, Laerm, Gestank und zu vielen Schuhputzern (warum will eigentlich nie jemand meine Frontscheibe saeubern - liegt es vielleicht an der Hoehe ???). Fuer die naechsten Wochen geht es wieder in die Hoehe der peruanischen Anden. Ich schnaufe ueber einen 4100 Meter hohen Pass und darf dann auf 3700 Metern neben einer Staumauer drei Naechte ausruhen. Ich weiss nicht so recht, was das soll - mein Mechaniker unterhaelt sich stundenlang mit den Stauseewaertern, rennt mit dem Feldstecher in der Gegend herum und packt dann einige Sachen in seinen Rucksack. Bereits um ein Uhr in der Nacht werde ich aus dem Schlaf geruettelt, dann bin ich den ganzen Tag alleine. Als es hell wird, sehe ich den Typen mit dem roten, vergammelten Rucksack und der blauen Kappe schon weit oben am Vulkan Misti. Den halben Tag spult er im Vulkansand herum, bis er endlich um 11 Uhr (nach 10 Stunden Staub) vom Gipfel winkt. El Misti, 5825 Meter hoch - zum Glueck muss ich da nicht hinauffahren ! Richtig erstaunt bin ich erst, als der rote Rucksack mit Ueberschallgeschwindigkei die Haenge heruntersaust und nach kaum mehr als zwei Stunden wieder an meine Tuere klopft. Mein Arbeitstag folgt wenig spaeter, als ich ueber einen 4900 Meter hohen Pass kriechen muss - kein Wunder, muss ich mich da oben erleichtern und etwas Dampf aus meiner Druckluftanlage ablassen, was mein Fahrer mit gequaeltem Ausdruck zur Kenntnis nimmt, sich aber erst einige Tage spaeter darum kuemmert. Vom Pass aus sehe ich zahlreiche Vulkane, einige ueber 6000 Meter hoch. Der Sabancaya, vor einigen Jahren sehr aktiv, schlaeft gerade - schade ! Die Passhoehe wird von Hunderten und Tausenden Steinmaennern gesaeumt - ein Brauch von vorbeiziehenden Autofahrern. Natuerlich liebaeugelt mein Fahrer damit, den besten und schoensten Turm aufzustellen, aber ich bin heute wieder so langsam gefahren, dass nur noch ein Stunde bis zum Sonnenuntergang bleibt, und wir haben nun wirklich keine Lust, auf dieser Hoehe eine Nacht lang zu schlottern - also ab ins naechste Dorf ! Am naechsten Tag darf ich endlich den Caņon del Colca ansehen, die 'tiefste' Schlucht der Welt - haha ! Zum Glueck bin ich geografisch vorgebildet und falle nicht drauf rein, denn man misst hier vom Schluchtgrund zum hoechsten Vulkan. Der Grand Canyon kann beruhigt weiterschlafen, die 'Kali Gandaki' in Nepal nimmt den Caņon del Colca mit einem mueden Laecheln zur Kenntnis. Zum Glueck hat man vor einigen Jahren den nahen Caņon de Cotahuasi entdeckt, den noch tieferen tiefsten Canyon der Welt - haha ! Naja, also mehr zum Caņon del Colca. Er ist nicht umwerfend, aber anstaendig tief und liegt in einer ruhigen und huebschen Gegend, die durch ihre zahllosen terrassierten Felder besticht. Ein Fleck zum Entspannen und Geniessen ! Nahe der Schlucht treffe ich eine Kollegen aus England, einen Unimog 1300 mit Jahrgang 1986, mit dem einige Touristen in Peru herumfahren. Sein Schneckenhaus wurde in Ecuador gebaut und sitzt noch tadellos - auch hier gibt es Handwerker, die auf laengere Sicht planen und bauen ! Ich uebernachte ca. 50 cm neben einem Verbotsschild (was draufsteht, kann sich jeder selber ausmalen), damit mein Fahrer und sein amerikanischer Kumpel am naechsten Morgen zeitig an den Rand der Schlucht sitzen koennen, um auf die Kondore zu warten. Der Platz hier heisst 'Cruz del Condor', und am Vormittag saeumen gegen 200 Leute den erstklassigen Aussichtsplatz. Wenn da nur keiner heruntergefallen wird ! Mein Fahrer blamiert sich wieder einmal hoffnungslos - erst kauft er sich in der Schweiz fuer teures Geld ein Teleobjektiv zum Tierlikucken, hantiert stundenlang damit herum und kann dann kein Foto schiessen, weil der Kondor zu nahe an seinem Kopf vorbeifliegt ... Klar, dass ich mich nach so vielen Kondoren wieder einmal bemerkbar machen muss ! Kaum hat uns der amerikanische Freund mit seinem schweren Rucksack verlassen, melde ich mich mit einer schwarzen Rauchwolke und lautem Knattern zurueck. Der bolivianische Polizist haette jetzt gar keine Freude mehr, denn mein Ausatmungsorgan reicht nun nicht mal mehr bis zum Topf, geschweige denn aufs Dach ... Der 'mecanico' in Chivay schweisst mein Auspuffrohr und garantiert fuer mehr als 50000 Kilometer - liegt es an seinem Optimismus oder an den Sprachkenntnissen meines Fahrers ??? Mein Fahrer entspannt sich anschliessend in den warmen Baedern von Chivay, da wir schon lange nicht mehr auf die Versprechungen einer heissen Dusche hereinfallen... Am naechsten Tag besuchen wir die Nordseite der tiefen Schlucht, und ich darf unterwegs wieder einmal meine baerenstarken Kraefte beweisen, als ich einen Bus aus dem Schlammloch Nr.1345a herausziehe. Zum Dank darf ich dann im naechsten Dorf in der Hitze herumstehen und warten, bis die beiden Chauffeure ihr Bier leergetrunken haben. Der dritte Mann im Bunde, der mit den schlammigen Schuhen, ist uebrigens nicht der 'mecanico', sondern der einzige Buspassagier... Nur noch ein Dorf, mit Namen Lari, und eine Kirche (hier gibt es in jedem Dorf eine, von erdbebengeschuettelt bis schmuck renoviert), dann habe ich eine lange Pause auf dem Dorfplatz verdient und darf mit allen Lastwagen der naeheren Umgebung herumalbern. Mein Fahrer hat allerdings noch nicht genug Ruinen und behauene Steine gesehen und hat gehoert, in der Naehe eines kleines Dorfes namens Cuzco gaebe es noch viel mehr. Also machen wir uns auf die Suche danach ! Die Strasse von Chivay nach Cuzco fuehrt ueber einige hohe Paesse (bis 4850 Meter) und bleibt waehrend fast 150 Kilometer meistens deutlich ueber 4000 Meter Hoehe. Die Landschaft ist leider nicht so spektakulaer, dafuer umso mehr die Strasse - waehrend Stunden schaffe ich es nicht, auch nur ein Schlagloch oder eine grobe Bodenwelle zu finden. Mein Fahrer wird erst wieder nach Yauri aufgeweckt. Auf den naechsten 40 Kilometern finde ich eine reiche Auswahl an Loechern, Wellen und sonstigen Hindernissen. So ist mein Chaffeur dann auch nicht weiter erstaunt, als ploetzlich ein neues, unangenehmes Geraeusch in meinem Innern auftaucht. Er sucht eine Ewigkeit an mir herum, und erst beim dritten Halt findet er meine neuste heimtueckische Idee - die vordere Halterung der Fahrerkabine ist gebrochen, und die Kabine schlaegt nun bei jeder Bodenwelle irgendwo aufs Chassis. Meine Teile werden kurzerhand zwischen eine schmerzende Schraubzwinge eingeklemmt und zusaetzlich mit viel Draht umwickelt! Langsam zuckle ich weiter und erreiche erst in der Dunkelheit Sicuani, den naechstgroesseren Ort auf der Strecke Titicacasee - Cuzco. Am naechsten Tag besuchen wir wieder einmal einen 'mecanico', der die Aufhaengung schweissen soll. Mein Fahrer hat in den letzten Monaten dazugelernt und baut den Kuehler gleich selber aus, damit der 'mecanico' freie Fahrt zum Schweissen hat. Schweissen kann mein Chauffeur leider nicht und ueberlaesst das dem 'mecanico', der ... na ja, Schwamm drueber. Es scheint sich um den gleichen Mann zu handeln, der in seinem frueheren Leben Fahrrad-Gepaecktraeger 'repariert' hat. Am 17.Juli erreiche ich Cuzco, eine neue Herausforderung fuer mein Fahrkuenste. Die bisherigen Schwierigkeiten von Stadtrundfahrten werden ergaenzt durch peruanische Strassenloecher und die engen Gassen von Cuzco, wo ich mich an meinen Kumpanen vom Busdienst vorbeizwaengen muss. Gutgemeinte Tips von Einheimischen zum Finden eines bewachten Parkplatzes enden (wie nicht anders zu erwarten) irgendwo in einer steilen Sackgasse hoch oben am Berg... Nun stehe ich in der huebschen Stadt Cuzco und erhole mich von meinem Kulturschock - so viele Touristen hier! Ich verstehe sogar wieder ab und zu einige Leute, die vorbeigehen und mich bewundern. Und hier kann man wieder alles Unnoetige kaufen, was uns das Leben so angenehm macht! Beim naechsten Mal erzaehle ich Euch von den vielen Steinen und Ruinen, die diese Gegend um Cuzco unsicher machen... Bis dann Abuelito (Grossvaeterchen) Unimog -------------------------------------------------- Ufffffffff, endlich ist er fertig, der Grossvater, mit seinen endlosen Geschichten vom suedamerikanischen Kontinent ! Ich (der Fahrer, Mechaniker, Kartenleser, Besitzer und Frontscheibenputzer in Pesonalunion) kann die Raeubergeschichten von Wasser-, Oel-, Diesel- und Spaghettirohrbruch nicht mehr hoeren ! Mir jedenfalls gefaellt's hier sehr gut. Ich bin seit fast 9 Monaten zu Gast bei den 'Latinos', und - Ich bleibe noch ein bisschen. Hasta luego Weltenbummler Beat |
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